Ein Wort zur Lage

Oh Vorplatz. Endlich mal im Ranking vorne.  Beim MDR mitgenannt unter den „61 gefährlichsten Orten in Sachsen„. Gelistet zwischen Johanngeorgenstadt und Ehrenfriedersdorf. Hell yeah, exklusiv ist der Titel aber nicht, allein im Mikrokosmos Neustadt führt die Polizei neun Spots in dieser Kategorie. Doch wenn es ein Symbolbild braucht, muss die gute alte scheune herhalten. Die Abbildung vom Artesischen Brunnen würde ebenfalls ein Gefahrengebiet illustrieren, da weiß nur niemand wo genau der ist. Man muss aber ehrlich eingestehen, es gibt sie hier im Umfeld schon, die speziellen Momente unangenehmer Art.

Pille, Palle, alle prall

druff, druff, druff, druff, druff

Verpeilt und verschallert, alle verballert

Druff, druff, druff, druff, druff



Kneipenviertel. Partyzentrum. Nightlifeaction. Wegen Suff und Drogen ist mancher von uns in die große Stadt gezogen. Wäre man aufm Dorf freigedreht, hätten die vom Stammtisch den Exorzisten geholt. Oder Mutti hätte zwei Wochen zu viel Salz in die Suppe getan. Öde war es in der Provinz obendrein. In der Neustadt kann man ohne Buxen bei Creutz Knacker kaufen. Man sollte nicht, aber kann, mitten auf der Alaunstraße, früh um 3 Uhr Dynamo ein Lied auf der Melodie von 7 Nation Army singen. Oder man kann sich illegale Substanzen auf dem scheinbar halblegalen Freiluftmarkt besorgen, um sich dann zünftig wegzuballern.

Doch Obacht! Der Kauf an sich zählt schon als Straftat. Dazu ist er die Grundlage von dem, was Drogenhandel heißt. In dessen Umfeld fallen so Begriffe wie Beschaffungskriminalität, Prostitution oder Revierkämpfe. Zusammengenommen führt das in der folgenden Kausalkette direkt zum Polizeieinsatz in Kompaniestärke. Wie es ihn unlängst gab. Woraufhin die einen „Bullen verpisst Euch“ schreiben (in den Neunzigern hätte man – so erzählen es die Alten den Jungen – die Aufforderung „Dealer verpisst Euch“ ebenfalls ins Kalkül gezogen) und die anderen abends statt der Runde um den Block die Schlüssel in den drei Schlössern der Haustür drehen.  Aufgeregt sind alle. Sicht verschwommen, Feindbild klar.

 

Das Musik Heilmittel gegen Trubel und Trouble sein kann, belegten unlängst Electric Fluid während einer Session auf dem Vorplatz. Reverbschwangere Gitarrenmusik. Rein instrumental. Da war die spätsommerliche Nacht, wie man sie sich wünscht: friedfertig und chillig. Dieses Konzert war nicht die einzige Aktion der Art. Die scheune versucht nun ja bereits über ein Jahr andere Akzente bei der Wahrnehmung des Areals vor ihrer Haustür zu setzen. Kopfhörerdisko, Poetry Slam, Märkte, Bandauftritte oder Kino sind einige der Mittel zum Zweck. Akteure wie die lokale Greenpeace-Sektion oder Initiativen wie die (apo)Theke tragen das ihre dazu bei. Letztens versuchte die „Inner Peace Crew“ auf spirituelle Art das Karma des Platzes zu liften. Alles nice soweit, nur können wir nicht rund um die Uhr präsent sein. Wir können und wollen auch nicht gegen das Böse kämpfen, was mit Druckerschwärze auf weißen Zeitungsseiten benamt wird.  Triggerwort Kriminalität. Wenn was weg soll muss man an Wurzeln graben, nicht Triebe schneiden.

Sicherheitsnotsignale

Lebensbedrohliche Schizophrenie

Neue Behandlungszentren bekaempfen die wirklichen Ursachen nie.

Zurück zu unserem Treiben und den Zuständen, hier mitten in der Neustadt. Eine gelegentliche Bespassung wie wir sie anbieten und die eigentlich niemanden ausschließen soll, verdrängt durchaus. Und sei es, dass der Aggrotyp von zu vielen glücklichen Leuten angewidert das Weite sucht. Temporär. Darüber sind wir ehrlich gesagt nicht mal böse. Für grundlegende Änderungen der Lage müsste man das ganz große Rad drehen. Gesellschaftlich, sozial und politisch.  Eine Mammutaufgabe, die bei einem selbst beginnt. Hier kommt Vatis simples Rezept, erdacht beim Blick auf die Buddhafigur aus dem Baumarkt. Zuerst etwas Selbstkontrolle. Dazu gelegentliche Reflektion seines Handelns. Dann drei Prisen Rücksicht. Zum Schluss ein Quäntchen Engagement.  Weitere Ausführungen brächten uns jetzt von Kant über Schopenhauer zu Adorno und wären zudem diskutabel. Aber immerhin haben wir hier eine Basis im Zusammenleben, ohne das der Herr Wachmeister eingreifen muss.  Genug belehrt, fragen wir mal direkt: Wo sind kreative Ideen, wenn man sie mal braucht?

Der Freiraum dafür wäre mitten im Kiez (wie der Berliner sagen würde und was besser als Neuse klingt), auf knapp 900 qm und mit Unterstützung durch die Stadt da. Man vernehme es und staune, das oft als konservativ bezeichnete Dresden ist mal fortschrittlich. Bürgernah. Will heißen: zwischen eurem Plan und dessen Umsetzung liegt kein Ämterparcours. Wir haben auch Equipment und Know How um eure Projektideen zu unterstützen. Die Einladung sich auf dem Platz vor der scheune einzubringen steht nach wie vor. Wer hat Lust einen Capoeiraworkshop zu machen? Großes Karaokesingen? Ukulelemob? Gemeinsam Containertes kochen? Luftkegeln? Manche machen schon Dinge wie diese und damit anderen Freude. Dank dafür. Es ist jedoch noch Luft nach oben. Her mit den Ideen, auch wenn sie utopisch scheinen.  Wir planen langsam schon mal die nächste Saison und freuen uns über Input. Erstmal kommt jedoch der Winter. Da sitzt man in Deutschland mehr auf dem Sofa, weniger auf Betonbänken. Und später, was bringt das nächste Jahr? Das wird sich zeigen. Im besten Fall hat Sachsen keine gefährlichen Orte mehr. Wenn es blöd kommt, keine kulturellen.

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